Erste Bestürmung

 

Joa. Da standen wir nun vor der verschlossenen Tür der Kirche. Pünktlich. Also in Lima viel zu früh, an die „Pünktlichkeit“ der Limeños haben wir uns jedoch schnell gewöhnt. Zu früh kommt hier gewiss niemand, wenn, dann kommt man zu spät.

Als schließlich nach und nach die Kinder in die Bibliothek der Kirche eintrudelten, konnten wir uns vor all den Küsschen und Umarmungen kaum retten. Bevor wir’s uns versahen, saß bereits ein Kind auf unserem Schoß, drei wollten gleichzeitig mit uns spielen und mindestens zwei fummelten in unseren Haaren herum!

Unsere Arbeit besteht darin, den zwei Betreuerinnen, die sich von Montag bis Freitag am Vormittag um die circa 20 Kinder kümmern, unter die Arme zu greifen. Wir helfen ihnen ein wenig bei den Aufgaben, aber meistens spielen wir mit ihnen Brett-, Ball- und Fangspiele oder Memory.

Hier in Lima funktioniert das Schulsystem ein bisschen anders. Der Unterricht ist in zwei oder sogar drei Turnusse unterteilt, das heißt er findet zu unterschiedlichen Zeiten statt. Die Kinder, die zu uns ins Pfarrheim kommen, stammen allesamt aus sehr armen Familien und würden ansonsten die Zeit auf der Straße verbringen. In der Pfarrei wird ihnen ein sicheres Umfeld gegeben und dafür gesorgt, dass sie zu Mittag genug essen (Portionen für einen verfressenen, pubertierenden Jungen im Wachstum!).

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„Gitschnpower“

Dass die Kinder aus ärmsten Verhältnissen kommen, würde man ihnen auf den ersten Blick gar nicht ansehen. Erst dann, wenn sie mehr von sich erzählen, bekommt man einen Einblick in ihr Leben und man fragt sich, woher sie ihre Unbeschwertheit nehmen, mit der sie täglich auf uns zugestürmt kommen… Besonders auffallend ist die Selbstständigkeit, mit der sich die Kinder durch die chaotischen Straßen Chorrillos bewegen. Diese Selbstständigkeit wird uns hingegen nicht zugetraut, da wir abends stets von den Kindern (auf die WIR eigentlich aufpassen) zum Bus begleitet werden!

 

Die „Casa de los talentos“, in der wir nachmittags arbeiten, ist gerade eine Baustelle: Die Wände sind unverputzt, es gibt noch keine Fenster, Treppengeländer (die es in Chorrillos nirgends gibt) oder Möbel. Während immer noch gearbeitet wird, kommen die Kinder trotzdem her und nutzen die leeren Flächen zum Spielen und Tanzen. Eigentlich sollte nur ein Stockwerk draufgebaut werden und auch schon längst fertig sein, doch Padre Juan beschloss kurzerhand, dass eins doch zu wenig wäre. Da es in Chorrillos anscheinend generell keine Baugenehmigungen oder irgendwelche Sicherheitsvorrichtungen, wie etwa ein Baugerüst, braucht, sind es jetzt halt zwei!

Neben Fußballspielen vertreiben sich die Kinder mit Stelzengehen und Tanzen die Zeit. Die Choreografien werden hier von den Kindern selbst einstudiert und haben uns schon einen HÖLLENmuskelkater verpasst! Das Schöne hier im Haus der Talente ist, dass alles nach dem Prinzip „die Älteren helfen den Jüngeren“ abläuft und jeder seine Fähigkeiten weitergibt. Dadurch dass die Casa für alle offen steht, wird hier neben Ballett und traditionellen Tänzen, auch Breakdance und Hip-Hop getanzt. Wie überall in Lima, spielt die Lautstärke keine Rolle und so wird die Musik aufgedreht, bis der Boden vibriert!

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Aussicht von der Casa auf die Stadt
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Der erste Versuch mit den „zancos“

Neben unserer Arbeit in der „Casa de los talentos“ besuchen wir immer am Donnerstag eine weitere Gruppe von Kindern. Dafür müssen wir nach San Genaro  2, weiter den Hügel hinauf. Hierhin dürfen wir nur bei Tag und in Begleitung der Lehrerin Sofia. Dort wurden erst vor 15 Jahren nach und nach die einfachen Hütten aufgestellt und die Zuwanderung  scheint kein Ende zu finden. Hier hinauf führen nur Sandwege, als Treppen zu den Häusern dienen oft nur alte Autoreifen, jedoch reichen Strom und öffentliche Verkehrsmittel bis auf die Spitze des Hügels.

Fern von Limas Straßenlärm und Verkehrschaos, fühlt es sich an, als betrete man eine andere Welt. Als wir das erste Mal auf die Stadt hinunterschauten, raubte der Anblick uns fast den Atem: Von oben sahen wir, dass Lima auf unzähligen Sanddünen erbaut worden war, die am Horizont im Dauernebel verschwanden.

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Über den Dächern Chorrillos

Auf dem Heimweg wurden wir auf einmal verfolgt. Von mindestens zehn Hunden, die herrenlos auf uns zutrotteten und uns so erschreckten, dass wir Sofia beinahe umrannten!

Abends gingen wir wie so oft noch am „Mercado San José“ vorbei, der praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnet hat. Hier werden allerhand verschiedene Früchte-und Gemüsesorten angeboten, aber auch Kleidung, DVDs, Bleistifte, Rasierer, lebende Tiere – und natürlich auch tote… So schmücken bunte unbekannte Früchte eine Ladentheke, während von der nächsten aufgeschlitzte Hühner und Schweineköpfe hängen.

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Im Mercado San José

Ganz anders als bei uns zu Hause, wo die Auswahl an frischen Früchten meistens begrenzt ist,  fühlt man sich hier mit der immensen Vielfalt wahrlich wie im Garten Eden (nur zum mickrigen Apfel greifen wir nicht)!

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Die „manzanas chiquititas“

Und so verzehren wir genüsslich die soeben gekauften Mango und Avocado und sind mal froh, kein pollo („pojo“) verdrücken zu müssen!

ịHasta luego!

 

Lena y Katja

5 Kommentare zu „Erste Bestürmung

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  1. Da scheint das Leben zu Hause zu sein 😊. Dann schaut euch mal schön an die fehlenden Geländer zu gewöhnen, ohne die Bekanntschaft des alten Newton zu genießen. Da konntet ihr beim Äpfel pflücken ja gut trainieren.

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  2. Liebe Lena, liebe Katja, da glauben wir schon, dass ihr nicht mehr so oft zum schreiben kommt!! 😉 Bei euch ist einiges los… Die Kinder dort haben euch schon richtig ins Herz geschlossen und ihr sie! Schön, dass es euch so gut geht!!

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  3. Auch die Engls lesen natürlich fleißig mit und stellen sich schon die vielen Farben vor, das aus Euren fruchtigen Sätzen hervorlugen.
    Fein dass es Euch gut geht. Die Erfolge (oder Misserfolge) beim Surfen habt ihr (warum wohl ?) verschwiegen.
    Ich war ganz erleichtert, dass Euch NUR 10 Hunde verfolgt haben. Es hätte schlimmer sein können !

    Wegen der Baugesetze sollte man nach Lima übersiedeln – das ist wohl wahr. Aber ansonsten, finde ich, haben wir es bei uns hier nicht schlecht getroffen.

    Macht es noch gut – und wie gesagt, wir warten auf die Strandfotos.

    Engl y Engl y Engl y Engl

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  4. Mirjam diktiert mir:

    Liebe Katja,
    bei uns ist es eiskalt.

    Zwischenruf Mama: „wir beneiden euch um die Spangenleibeler !!“

    Es hat sogar geschniiiieben !
    Ich übe gerade den Handstand und habe mir gerade zwei Blaue geholt. Sch… und AUA.

    Lieber Grüße
    Mirjam

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